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AI vs. menschliche Kreativität – 0:1

Der Philosophieprofessor und Autor Sean Dorrance Kelly vertritt die Position, dass künstliche Intelligenz nicht die menschliche Kreativität ersetzen oder ‚überbieten‘ kann. Die Ausführung ist im MIT Technology Review nachzulesen.

Das Schlussstatement des Beitrags von Kelly finde ich zitierenswert:

If we allow ourselves to slip in this way, to treat machine “creativity” as a substitute for our own, then machines will indeed come to seem incomprehensibly superior to us. But that is because we will have lost track of the fundamental role that creativity plays in being human.

via MIT Technology Review / Autor: Sean Dorrance Kelly

Damit wirft er ein spannendes Problem dieser Tage auf

Damit wirft er ein spannendes Problem dieser Tage auf, nämlich das Problem der irrationalen Bedeutungsaufladung und überzogenen Narrative. Welche Verheißungen wir neuen Technologien zuweisen und in welchem Kontext wir diese Technologien funktional verorten, beeinflusst auch unsere eigene Position gegenüber der Welt und letztlich unseren Optionsraum und Freiheitsgrad. Wenn wir ersnthaft einer Technologie, z.B. auf großen Datenmengen operierenden Algorithmen, eine größere Kreativität als dem Menschen einräumen, dann spricht sich der Mensch mindestens teilweise von seiner kreativen Rolle und Verantwortung innerhalb des sozialen Systems, der Zivilisation frei. Der Ansatz, AI eine größere Kreativität als dem Menschen zuzusprechen, ist somit in höchstem Maße destruktiv. Unabhängig davon, welche erstaunlichen Ergebnisse durch Deep Learning oder andere Techniken zustande gebracht werden könnten. Der Diskurs ist verkorkst und mythisch aufgeladen. Diese mythischen Narrative von AI sind nicht hilfreich.

Ähnlich gelagert ist die Kritik von Jaron Lanier an der religiösen, mythologischen Aufladung des Diskurses zu AI (KI). Ich empfehle dazu den EDGE-Talk ‚The Myth of AI‘, in welchem Jaron Lanier Gedanken zum Thema ausführt.

Der Projektionsraum AI ist in den letzten Jahren extrem gehyped worden, was natürlich vielen (insbesondere großen) Unternehmen nützt. Wie Lanier richtig feststellt, hat der Mythos AI aber gerade auch eine Menge nicht gelöster ökonomischer und gesellschaftlicher Fragen aufgeworfen. Er spricht von den Übersetzern, die natürlich immer noch nötig sind, um ‚AI‘-basierte Services zur Übersetzung von Sprache zu ermöglichen. Diese Tätigkeiten werden allerdings nun nicht mehr entsprechend entlohnt, sondern die Service-Anbieter verdienen hier den erheblichen Anteil. Solche Entwicklungen sieht Lanier kritisch, nicht aber den Algorithmus, der zum Aufbau eines Dienstes zum Einsatz kommt. Die Einschätzung teile ich in der Beurteilung vieler Technologiediskurse. Nicht Technologie ist das Problem, sondern ein unreflektierter Umgang mit Technologiepotentialen. Dies gilt gerade dann, wenn neue Verheißungen und Hypes mythisch besetzt werden.

Doch der Hype AI muss nun endlich entrümpelt werden und anderen konstruktiven Gedanken weichen, z.B. differenzierten Fragestellungen zum Nutzen von Algorithmen und neuen ethisch-moralischen Fragestellungen. Das aus meiner Sicht artverwandte Thema der Automatisierung muss letztlich ebenso wie das der künstlichen Intelligenz eine tiefgreifende Diskussion entfachen, in der die Gesellschaft ihre Absichten, Hoffnungen und Wünsche für die Zukunft unterbringt und auslotet.

Die menschliche Kreativität ist hier weitaus dringender gefragt als neuronale Netze.

Ich sehe hinsichtlich dieser Aufgaben extreme Defizite und einen erheblichen Nachholbedarf im Bereich der Kunst, den Geisteswissenschaften, doch ebenso im Zuständigkeitsbereich der Politik. ‚Aufklärung‘ zu Themen wie AI findet vor allem aus den Marketingbudgets von Technologie-Riesen statt. Diese profitieren von dem Mythos AI im erheblichsten Maße und betreiben somit gerne auch mal eine Verklärung. Andere Gremien, Instanzen und Perspektiven müssen den Diskurs befeuern. Doch wenn unsere Politik etwa das Thema in die Hand nimmt, dann gerade nur, um eine wirtschaftliche Scheibe vom Hype-Kuchen abzubekommen. Als Zukunftspakt oder wirtschaftliches Förderprogramm.

Da fehlt es klar flächendeckend an intellektueller Debatte, an differenzierter Fragestellung mit dem Ziel der Aufklärung sowie Bewertung auf Basis von Moral und Ethik. ‚Ökonomie first‘ ist letztlich ein gesellschaftlicher Irrweg, den es als Zivilisation zu überwinden gilt. Selbst bei aller Legitimität von Wirtschaft, dem Streben nach Wohlstand und dem Wettbewerb von Ideen.

Als Gesellschaft sollten wir ein paar erheblichere Budgets frei-denken, um in die kreativen Potentiale unserer Kinder und Jugendlichen zu investieren. Um frei denkende, aufgeklärt kritische und nicht manipulierte Subjekte zu fördern. Den Menschen innerhalb unserer Narrative zu Objekten der Wirtschaft und der Algorithmen zu degradieren, AI zum omnipotenten Subjekt oder zur Religion zu erhöhen, … all das ist nicht vielversprechend und muss letztlich scheitern.

SOMIT: Es lebe die menschliche Kreativität

– die es uns sogar erlaubt, über Technomythen vortrefflich zu phantasieren 😉

[ Quelle Beitragsbild: von Kevin Jarrett via Unsplash ]

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