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CHATBOTS – WAS SOLL DAS BEDEUTEN? (3) Gesellschaft Technologie 

CHATBOTS – WAS SOLL DAS BEDEUTEN? (3)

[TEIL3]

CHATBOTS – WAS IST DAS EIGENTLICH FÜR EIN NAME?

Dieser Beitrag soll sich etwas näher mit Gedanken zur Terminologie ‚Chatbot‘ auseinandersetzen.

Man muss, so glaube ich, erst einmal einräumen, dass der Begriff ‚Chatbot‘ seinen Ursprung in den echt alten Zeiten des Internet hat. Früher sagte man eben gern und oft ‚chatten‘ – für Chatten gab’s damals sogar eigens Chaträume. Und auch ‚Bot‘ war früh bereits generisch für alles einsetzbar, was irgendwie automatisierbar und zauberhaft algorithmisch in Vollführung des Kunststücks gebracht werden konnte. Bots gabs’s in Games, Bots gab’s von Suchmaschinen in Form von ‚Webcrawlern‘ uvm. Inzwischen beeinflussen gar Armeen von ‚Social Bots‘ die Meinung von Menschen und alles ist irgendwie dystopisch bottified. Eigentlich blödsinnig, oder?

Früher (2003) veröffentlichte die Uni Stuttgart mal unter http://cert.uni-stuttgart.de/doc/netsec/bots.html die Feststellung, dass der Begriff Bot inzwischen ‚für Fernsteuerprogramme, über die kompromittierte Systeme von einem Angreifer zentral befehligt werden können, verwendet […]‚ würde. Nach der ursprünglichen Ableitung des Begriff Roboter, der vom Frondienst-Leisten herrührt (https://de.wikipedia.org/wiki/Roboter#Bezeichnung), wurde der Begriff Bot also mit bösen Fernsteuerungsprogrammen, neben der für den Menschen prinzipiell recht nützlichen Dimension der technisch möglich gewordenen Automatisierung unfrei veranlasster und stupider Arbeit durch Maschinen, schnell weiter ins Negative assoziiert. Das finde ich persönlich interessant, da Bots, ähnlich wie ein Golem von Rabbi Löw, sich letztlich und psychologisch offenbar tief verankert ins für die Gemeinschaft Unkontrollierte umkehren, negative Effekte hervorrufen. Quasi im Sinne eines solchen Strickmusters: Menschen instruieren Bots (oder Golems) und für andere Menschen kommt dabei meist nichts Gutes heraus und nicht selten gerät die Sache außer Kontrolle. Ein altes Strickmuster klassischer Erzählungen.

Die ursprüngliche Ableitung der Fronarbeit (als somit vielleicht erster Begriff für die durch Sklaven und Leibeigene ‚automatisierte‘ Arbeit?) ist weiter der programmatischen Instrumentalisierung dieser Arbeitsleistung zum Nachteil anderer gewichen. Eine Verwendung des Golems mit heimtückischen Hintergedanken, eine Verwendung von vorteilsverschaffender Technologie, die wenige Personen bereichern soll und den meisten Menschen in irgendeiner Form zum Nachteil gereichen wird.

Versucht objektiv betrachtet halte ich diese Begriffsgenealogie, so sie denn in meiner schnellen Deutung zutreffen mag, für naiven oder kulturpessimistisch überladenen Unsinn und sogar etwas für unreflektierte Willkür. Denn Sach- und Deutungsebene haben hier eigentlich faktisch nicht viel miteinander zu tun. Techniken oder Technologien der Automatisierung können nicht generell mit bestimmten Absichten gleichgestellt und verworthülst werden, sondern entstehen oft innerhalb von fachlichen, z.B. gerade technologischen, Disziplinen gerade evolutionär. Somit wäre der Ursprung konsequenterweise oft in Fortschritten wie dem Feuer oder dem Rad, der Bronze-Gewinnung oder der Schrift, der Dampfmaschine zu sehen. Wenn jeder nun einstimmen würde, dass Schrift existiert, um der einen Menschenmenge zum Vorteil auf Kosten der anderen zu verhelfen, dann würde ich dies auch so bei dem Roboter, dem Bot und Automatisierungstechniken gleichermaßen akzeptieren. Doch diese Technologiebetrachtung ist sicherlich etwas einfältig. Klar ist – sowohl Schrift als auch Bots lassen sich zum Nachteil anderer Menschen zweckdienlich einsetzen, der Schrift selbst ist diese intentionale Eigenschaft aber nicht zu eigen.

Ich halte in gegenwärtig die begriffliche Reflektionsschärfe für problematisch und (im relativen Vergleich zu anderen Entwicklungen) unterentwickelt.

Im Zwischenfazit ist der Begriff ‚BOT‘ nicht wirklich positiv belegt, der Begriff ‚CHAT‘ ist ein Relikt aus Internet-Urzeiten und meint immer noch das durch neue Kommunikationstechnologien (wie das Internet, über welche Protokolle und Dienste auch immer) gestützte Plaudern. Ein Chatbot wäre demnach ein ferngesteuerter (nämlich zum Frondienst verdammter) und nicht selten auf Deinen Nachteil sinnender Plauder-Hannes, der sich im Netz rumtreibt. LOL – auf der einen Seite trifft es das vielleicht sogar parodistisch echt ganz gut – auf der anderen Seite ist das aber auch echt das Dümmste, was man lange (ok, ok,  … seit dem jüngsten NRW-Wahlergebnis) gehört hat.

Schauen wir uns diese Bots aber mal an … Es geht bei diesen digitalen Plaudertaschen ja zunächst schlichtweg nur um beliebig komplexe oder dumme Anwendungen, mit denen ein Nutzer Informationen in Form von Text über einen Kanal, z.B. Slack oder Facebook, austauschen kann. Ich sag etwa ‚Hi‘, der Bot erwidert vielleicht ‚Hi‘. Damit geht’s rein sachlich im Grundsatz vor allem darum, Software oder pathetischer: ‚Maschinen‘ und Menschen über die Schnittstelle der menschlichen Sprache kommunizieren zu lassen. Dabei ist völlig egal, was genau dieser BOT (oder der MENSCH) damit so anstellen kann. Wenn der Bot nur HI versteht, isser eben albern und etwas schmal auf der Feature-Brust, aber auch wenig instrumentalisierbar für Superschurken 😉

Der Punkt ist nun also, dass es sich bei Chatbots schlichtweg um eine konkrete Anwendungsart bzw. einen bestimmten Lösungshorizont von Software handelt. Genauso wie ein Raketentriebwerk für spezielle Problemstellungen eingesetzt wird, die positive/konstruktive oder negative/destruktive Absichten verfolgen können.

Den Begriff Chatbot halte ich zur Beschreibung aller Anwendungen dieser Anwendungsart nun vor allem für unpräzise.

Unpräzise, weil eine Gattung von Entwicklungen beschrieben ist, die 1. technisch unterschiedlich ausgereift, leistungsfähig sowie komplex sein kann, und 2. die genauso gut und feingranular spezifiziert ist wie die Begriffe Website oder App. Zu Beginn gab es ja Applikationen, von mir aus im Bereich der Medizin – da wurde etwas appliziert, dann gab es Softwareapplikationen, dann Apps. Wenn ich nun einem meiner Generation von einer Husten-App erzählen würde, dann entstünden mit Sicherheit sonderbare Assoziationen im Bereich mobiler Devices, wohingegen mein Sohn an x-beliebige Software denken würde und vielleicht einen sozialen Dienst in dem man im Loop laufende Hust-Videos teilt assoziiert. App und Chatbots bezeichnen also alles und nichts. Diese Begriffe sind einfach historisch entstanden und als Bürde an nächste Generationen weitergereicht worden. Begrifflich sieht es düster aus, soviel steht fest. Und das ist eigentlich gar nicht mal gut bei einer zunehmenden Weltkomplexität, die es zu behandeln und überleben gilt. Welche Begriffe sind uns noch geblieben, um eine Windows-10-App von einer ’nativen‘ Smartphone-App zu unterscheiden? Wie können wir begrifflich einen Chatbot im Hinblick auf seine Eigenschaften einordnen?

Chatbots können unter Umständen also etwa nur ‚Hi‘ auf ‚Hi‘ antworten, sie könnten mir aber ebenso API-gestützt alle Accountdetails zu Kunden heraussuchen, die zum Suchmuster ‚Hi‘ passen. Weil etwa solch ein entsprechender Bot Sales-‚Automatisierung‘ zum Lebenszweck hat und mit dem Unternehmens-CRM verbunden ist. Die Definition von dem, was ein Chatbot leisten kann, ist nun genauso unpräzise definiert wie bei einer App. Richtigerweise und zum Glück wird der Begriff aber wenigstens mit etwas medienontologisch Spezifischen in Verbindung gebracht, nämlich, dass es sich um Software handelt, die vermittels der menschlichen Sprache (oder zusätzlich auch mit Buttons und vielerlei mehr) Interaktion und Plaudern zulassen. Besser ist noch der Begriff ‚Conversational UI‘ / ‚Conversational User Interface‘ als Realitätsbezeichnung geeignet, der dann aber den genealogischen Frondienst-Ansatz für die Automatisierungspotentiale vermissen lässt.

Wie sollen wir diese Software-Gattung und ihre Unterarten nun zukünftig nennen?

Ich bin überfragt, plädiere aber allgemein für eine genauere Begriffskultur und mehr Diskussion darüber, wie wir die Sachverhalte in unserer Welt benennen.

Wir neigen als Gesellschaft seit einiger Zeit dazu, schlagzeilentaugliche Wortschöpfungen wie ‚Rettungsschirm‘, ‚Flüchtlingsstrom‘, ‚Burka-Verbot‘, ‚Industrie 4.0‘, ‚Leitkultur‘ und vieles mehr als neue Keywords für etwas Konkretes zu adaptieren, wohingegen sie bereits eine Deutung hinsichtlich bestimmter Sachverhalte parteiisch transportieren oder distribuieren sollen. Kulturell ist das natürlich mau und im Hinblick auf die schlichte Notwendigkeit komplexe Realitätszusammenhänge sprachlich zu transportieren wenig hilfreich. Denkt also bitte alle mal nach bei der Schöpfung, Adaption und Distribution von Begriffen, dann wird’s vielleicht nochmal was mit ein wenig Dichter oder Denker – Attitüde.

Der Begriff Chatbot wird aus meiner Sicht nicht dauerhaft überleben. Er ist zu einengend, zu überholt und zu überladen, als dass er auf Dauer gut funktionieren könnte. Conversational UI ist hier schon aussichtsreicher. Doch begrifflich oder taxonomisch werden noch viele Dinge zu differenzieren sein. Z.B. ist Amazon Echo ein anderes Ding als ein Slackbot, der Tacos verteilen läßt. Es gibt verbindende Aspekte in beiden Ansätzen, nämlich dass für bestimmte Instruktionen Sprache verwendet werden kann, einmal gesprochen, einmal als Text via Slack. Aber Laptops und Fahrstühle haben auch z.B. Knöpfe und Displays, sind deshalb aber noch lange nicht das Selbe. Begriffe helfen uns (im besten Falle effizient) Informationen auszutauschen, um eine Reaktion auszulösen, eine Handlung oder Antwort zu bewirken oder um Erlerntes an nächste Generationen zu übertragen; alles also nur, damit wir die Interaktion mit unserer Realität zu unseren Gunsten optimieren können. Für die Dinge die wir entwickeln benötigen wir auch begriffliche Nützlichkeit. Wenn nun schon die Chatbots beginnen, unsere schlechten Begriffe für Sachverhalte aus der Realität zu adaptieren, dann sollten wir uns doch fragen, welche Qualität die zukünftigen Dienste überhaupt aufweisen können, wenn unsere Sprache eines der wichtigsten Elemente für ihre Bedienung sein wird.

In Zeiten populistischer Konjunktur, alternative Facts und demagogischer Sprücheklopfer plädiere ich also für mehr Debatte um Sprachgebrauch, für geisteswissenschaftliche Aufarbeitung unserer technokratischen Objektwelt und für die Vermeidung von psychologisch aufgeladenen und monokausal deutelnden Wortkreationen. Sprache hilft nicht nur beim Denken, sondern auch beim miteinander sprechen – das gilt wohl für Bots und Menschen gleichermaßen.

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