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Im Mahlstrom der Innovation Product Management 

Im Mahlstrom der Innovation

Wenn man sich Posts in LinkedIn, Twitter oder andere Kanälen anschaut, scheint weitestgehend der Konsens zu existieren, dass die Welt dringend eines braucht: Innovation.

Innovation soweit das Auge reicht

Innovation ist in aller Munde. Innovation gehört zum guten Ton.

Viele Unternehmen sind geradezu darauf versessen den Begriff der Innovation doch mindestens als Zierrat für sich zu vereinnahmen. Auch das moderne Individuum möchte ähnlich normiert wie Unternehmen von sich behaupten können überdurchschnittlich kreativ und innovativ zu sein. So gibt es Drogen zum Denken, Ratgeber für’s Kreativsein und jede Menge Zitate von Steve Jobs. Innovation ist beim näheren Betrachten ein regelrechter ’shark tank‘, in dem es blutig zugeht. Und es muss natürlich auch blutig zugehen, denn de facto sind die meisten Menschen leider nicht besonders innovationsbegabt oder über die Maße kreativ, so dass mit allen erdenklichen Mitteln gekämpft wird. Klein ist der Anteil wirklich kreativer Menschen an der Gesamtbevölkerung, stellt man dies dem hohen Prozentsatz derer gegenüber, die offiziell innovativ sein möchten. Die Motivation innovativ gelten zu wollen, ist wahrscheinlich oft wenig nobel und sehr häufig schlicht eigennützig. Die Plakette der Innovationsbegabtheit verspricht eben so manchen Benefit. Dazu gehört z.B., dass eine Firma ihrer Marke und letztlich des Umsatzes wegen innovativ wirken möchte. Sei es um etwa Churn (z.B. Abwanderung von Nutzern oder Käufern) zu vermeiden oder um neue Talente anzuziehen, die den Arbeitsplatz aufwerten oder gar das Unternehmen re-vitalisieren sollen. Dazu gehört natürlich auch, dass Individuen, wie Arbeitnehmer inklusive aller Arten von Managern, natürlich aus Selbsterhalt und den Ausbau von subjektiven Optionen als innovativ und kreativ gelten wollen. Es geht schließlich um die eigene Karriere, die für denjenigen mit einer Aura der garantierten Innovation schließlich viel ausrichtsreicher erscheint als für den Langweiler von Nebenan. Innovation ist im derzeitigen Sprachgebrauch schließlich für viele gleichbedeutend mit wirtschaftlichem Erfolg. Und wer möchte nicht erfolgreich sein?

Der Mahlstrom der Innovation

Die Spirale dieser meist wenig nobel motivierten Innovationsversessenheit entwickelt in manchen Fällen zum dramatischen Sog, zum Mahlstrom der Innovation; die Innovationsspirale zieht dann zunehmend sonderbare, graue Gestalten in ihren Bann. Jede dieser grauen Figuren ist selbstredend entweder selbst innovativer als alle zuvor oder eine Art Jury-Mitglied, ausgestattet mit einzigartigen Fähigkeiten das Innovative als Solche entlarven und bewerten zu können. Der Wettbewerb entfacht schließlich und wird mit den tradierten Mitteln einer Ellbogengesellschaft gefochten. Vergleichbar mit solchen Mitteln etwa, mit denen auch ein US-amerikanischer Wahlkampf ausgetragen würde – Ideen und Urheber von Ideen werden akribisch auf Schwachstellen durchleuchtet und / oder politisch diffamiert, es wird Stimmung für oder gegen etwas gemacht, es wird viel versprochen und bleibt möglichst oberflächlich, mit Phantasiezahlen und Scheinargumenten oder einfach appetitlichen Buzzwords werden nützliche Positionen untermauert oder durch den Einsatz unvernünftigster Kommunikations-Budgets als Revolution im kollektiven Bewusstsein verankert. Ein schlecht kultivierte Innovation kann einer Art Kriegsführung gleichen, und im Krieg geht’s den Kontrahenten zunächst einmal ums Gewinnen. Für manch einen Krieg waren und sind Ideologien die treibende Kraft, die nicht selten aus im Grunde vernunftbegabten Menschen letztlich barbarische Wesen machten. Bei dem Kampf um die Innovationvorherrschaft wirkt vieles mindestens auch verschroben ideologisch, manches sogar demagogisch. Aber warum ist eigentlich das so?

Nun, die Begabtheit eines Individuums zur Innovation wird nicht selten im Lebensalltag mit den Eigenschaften von Intelligenz, Kreativität oder einer generellen Besonderheit assoziiert. Jede Person innerhalb eines sozialen Gefüges, wie z.B. einer Unternehmung, die sich mit diesen Werten aufladen will, findet in der Innovation vermeintlich ein probates Mittel, um vor Kollegen und Chefs aus der Masse strahlend herauszubrechen. Innovation (=Erneuerung) führt das soziale Gefüge in Teilen vielleicht in eine neue Zukunft; und wer möchte nicht vorangegangen sein, wenn das ’neue Alte‘ erklärt wurde? Wer will überhaupt schon zum alten Eisen gehören? Tradition und Bestehendes ist heute nicht sehr positiv besetzt. Dies mag an einer komplexen Welt, einer dynamisch-feindselig globalen Wirtschaftsordnung, der gesellschaftlichen Heterogenität und an vielem anderen mehr liegen, was einem gefühlt den Zwang zur beschleunigten Erneuerung aufoktroyieren mag. Und doch ist die negative Einstellung gegenüber dem Tradiertem eine übertriebene Reaktion des kleingeistigem Menschen, der innovativ wirken möchte, es aber nicht zwingend ist. Intellektuell stehen für mich Innovation und Tradition ohnehin in keinem echten Widerspruch. Die Ambition zur Erneuerung (etwa von individuellen Betrachtungsmöglichkeiten oder von der wirtschaftlichen Strategie eines Unternehmens) sowie das Perfektionieren von erprobten Abläufen (etwa im handwerklichen Sinne oder hinsichtlich gut funktionierender Prozesse) gehören aus meiner Überzeugung zum selben Ansinnen. Um etwa ein hinsichtlich der inhaltlichen Aussage provokantes Bild zu malen kann ein geübter Pinselstrich und handwerkliches Können durchaus helfen. Handwerkliche Perfektion hilft sogar gerade dabei, formale Grenzen zu erkennen und neue Grenzen als Konsequenz auszuloten – somit bedingt das Neue oft das Eingeübte. Aufstehen und Sitzen sind wie Innovation und Tradition keine echten Antagonisten; ich bin froh sitzen und aufstehen zu können. Schwierig wird der Umgang mit diesen Fähigkeiten beispielsweise dann, wenn man im selben Moment beides vollführen möchte – Sitzen und Aufstehen. Solch unentschlossene Momente können noch die besten Fähigkeiten in eine äußerst albern anmutende Entgleisung von Bewegungsfragmenten führen. Nicht anders ist es auch bei den Themen Innovation und tradierten Professionalität. Für die Lebenswirklichkeit, Individuen, Unternehmen oder Gesellschaften gilt es eine sinnvolle Balance zwischen Erneuerung und dem weiteren Kultivieren von ‚Best Practices‘ auszutarieren. Zudem ist das Erschließen von Neuem (was sicherlich ein allgemeines Ziel von  der Absicht zur Innovation ist) von Timing, Machbarkeit, Kontextbetrachtung und somit gesamtstrategischen Fragestellungen abhängig.

Firmen, die allerdings intellektuell bereits stagniert sind, eine Hierarchieform motiviert von Macht, (Fremd-) Kapital und Eitelkeit kultiviert haben und dabei im Wesentlichen schon immer das Gleiche getan haben (im Sinne der Produkte oder Dienstleistungen), sind am Ende doch nicht wirklich immer kompatibel für echte Erneuerung. Es ist die motorische Entgleisung von Sitzen und Stehen zugleich, die dann oft vollführt wird. Schrödinger’s Katze lässt grüßen – oder eben nicht 😉

Innovation folgt keiner Taktung

Wenn ein Unternehmen die Innovationswilligkeit kultivieren will, dann muss im Kern zunächst einmal eine inhaltliche Leidenschaft (z.B. für bestimmte Produkte oder das Lösen bestimmter Problemstellungen) existieren, die rein wirtschaftliche Motive aufwiegt oder überflügelt. Inhaltliche Visionen werden niemals durch die Absicht neue Investoren zu finden genährt oder fundiert. Im Kern einer Innovationskultur muss also die Lust an der inhaltlichen Auseinandersetzung, die Leidenschaft am Erfinden und auch eine erklärte Risikobereitschaft stehen. Neue Ideen, z.B. Produktideen, lassen sich nicht einfach zum Quartalsende abrufen und müssen grundsätzlich mit vollständig anderen Metriken als etwa vertrieblichen KPI’s bewertet werden.

Viele Firmen machen aufgrund der wirtschaftlichen Taktung den Fehler, frische Ideen sofort an den Markt zu werfen; quasi genötigterweise und unter dem Time-To-Market-Scheinargument. Die Firmen, die zu früh neue Ideen verblasen, haben vielleicht den Begriff MVP (minimal viable product) falsch verstanden oder sind primär und zusätzlich schlecht vertrieblich motiviert. Schlecht aus dem Grunde, da wenn eine Firma Neues reflexartig rausbringen muss, damit Vertriebler mit zusätzlichen Argumenten in Gespräche gehen können, die Firma vermutlich ohnehin ein massives Problem mit dem Bestand hat und dieses zuerst analysieren sollte. In diesem Fall wäre es definitiv nicht empfehlenswert, zusätzliche Investitionen dadurch zu verbrennen, indem gute Ideen zu früh geopfert werden. Werden Produkte zu früh am Markt veröffentlicht, dann fehlt es oft an grundlegenden Eigenschaften (sei es im Bereich des Designs, der konzeptionellen Seite oder schlicht Mängeln in der Ausführung). Je nach Industrie und Markt führt das auch mal zu kostspieligen Rückrufaktionen, mir fallen da spontan explodierende Smartphones ein. Wenn einmal am beim Kunden und Nutzer ein solch schlechtes Erlebnis generiert wird, ist es schwierig diese Negativerfahrung wieder ins Positive zu überführen. Zudem ist es aus meiner Überzeugung ein denkbar schlechter Ansatz. Produkte sollten dann an den Markt gehen, wenn sie inhaltlich und qualitativ reif genug sind, bereits internes und Kunden-/Nutzerfeedback bekommen haben (was auch durch ausgewählte Kunden und Nutzer im Zuge von Pre-Launch Phasen oder während einer Entwicklungsphase zu machen ist) und vor allem wenn ihre naturgemäßen Eigenschaften hinreichend gut sind.

Eine schlechte Innovationskultur kann sicher dazu führen, dass in erster Linie die Taktung des Wirtschaftsjahres (etwa in Quartalen gedacht) und das ‚Raushauen von Neuem‘ den Ideenwettbewerb determinieren. Graue Gestalten tun ihr Übriges dazu, um die Beschleunigung des Neuen vor die Qualität der Idee zu stellen. Hat eine Unternehmung diesen Punkt überschritten, macht sie sich vor Kunden und vor sich selbst unglaubwürdig hinsichtlich jeder Art der Innovationsbemühung. Denn Produkten merkt man an, ob Ihnen während der Erstellung die nötige Aufwerksamkeit geschenkt wurde und qualitative Ziele im Raum standen. Ist die Produktkultur einmal infiziert, ist es schwer aufrichtige Visionen, Liebe zum Detail und die Güte von Ideen zurückzuholen.

Voraussetzungen für eine Innovationskultur

Um zu verhindern, dass ein Mahlstrom der Innovation die Qualität von Ideen und Produkten herunterreißt, sollte ein Unternehmen einige Fragen intern diskutieren:

  • Welche Risiken sind wir bereit zu tragen, wenn wir eine innovationsfreundliche Innovationskultur aufbauen?
  • Welche Ziele verfolgen wir, wenn wir von Innovation sprechen?
  • Welche tradierten Prozesse und Bestandsprodukte / – Leistungen müssen dem Portfolio erhalten bleiben?
  • Gibt es eine übergeordnete Vision, die Bestehendes und Neues gleichermaßen verankern kann?
  • Ist die Unternehmenskultur überhaupt kompatibel für eine Innovationskultur?
  • Was erwartet man von neuen Ideen? Geht es um inkrementelle Verbesserungen oder disruptive Neuentwicklungen?
  • Wie politisch festgefahren ist die Unternehmung? Können neue Ideen kultiviert werden?
  • Ist die Unternehmensführung bereit einen gewissen Machtanspruch abzulegen?
  • Gibt es Mittel und Budget für Research und Experimente?

Viele Fragen sind es Wert im Vorfeld strategisch diskutiert und vielleicht beantwortet zu werden, um mindestens einen Reality Check zu machen, inwieweit das eigene Unternehmen kompatibel zu einer aufkeimenden Innovationsultur wäre. Eine intelligente Unternehmensführung ist imstande zu erkennen, dass eine innovationsbejahende Grundhaltung jedem Unternehmen nur gut tun kann. Viele Unternehmen scheitern aber vermutlich an überholten Machtstrukturen, individuellen Eitelkeiten und fehlender Ernsthaftigkeit bei dem Versuch etwas innovativer zu werden. Bei dem Beschluss, sich für Innovation zu entscheiden, darf es nicht nur um schnelle wirtschaftliche Verwertbarkeit gehen und er setzt eine integere Absicht voraus eine Infrastruktur für Erneuerung zu schaffen.

Innovationsbereitschaft als nachhaltige Ambition

Der kulturelle Wandel innerhalb bestehender Systeme (wie z.B. dem eines Unternehmens) braucht leider Zeit und Geduld. Falsche Innovation schafft im günstigsten Fall eine neue Einnahmequelle, richtige Innovation schafft langfristige Perspektive. Es lohnt sich also, am Mahlstrom der Innovation vorbeizusegeln, oberflächliche Stimmen zu ignorieren und mit einem internen Diskurs den bevorstehenden Kurs zu reflektieren. Insofern dann die Segel gesetzt werden, muss man Vertrauen in die Mannschaft beweisen und Fehlschläge zulassen. Eine positive Innovationskultur zeichnet sich durch eine Bereitwilligkeit zum offenen Diskurs, der Zurücknahme individuell einengender Regelwerke,  Experimentierfreudigkeit und Risikobewusstsein und Leidenschaft an der Sache aus. Diese Eigenschaften können jedes Unternehmen aufwerten und zu einem besseren Arbeitsplatz machen. Mit ein wenig Geduld und Glück kommt vielleicht dann auch noch eine bahnbrechende Erfindung dabei herum 😉 Im Wesentlichen kann man Innovation nicht erzwingen oder einkaufen. Nachdem ein Unternehmen den Beschluss gefasst hat, eine Kultur der Innovationsbereitschaft zu etablieren, muss diese Absicht zu einer nachhaltigen Ambition gedeihen. Gelingt dies, dann ist ein wesentliches Stück Erneuerung bereits geschehen.

 

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