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Ist der technologische Fortschritt Schuld an all dem Mist? Gesellschaft Technologie 

Ist der technologische Fortschritt Schuld an all dem Mist?

Ist der Traum vom Fortschritt zum Alptraum mutiert?

Wie lässt sich der wirtschaftliche, technologische und gesellschaftliche Fortschritt der letzten Jahrhunderte eigentlich bewerten?

An dieser Stelle soll und kann natürlich keine allumfassende Bewertung vorgenommen werden, aber manche Aspekte sollen in Zeiten der so leidenschaftlich diskutierten ‚vierten industriellen Revolution‘, der Digitalisierung, im Folgenden beleuchtet werden. Die Zeit hat einen Gastbeitrag  von Niko Paech veröffentlicht (zu lesen hier: http://bit.ly/2j8i2SE), den ich an dieser Stelle kurz aufgreifen möchte. Der Beitrag ‚Der zerstörerische Traum vom Fortschritt‚ ist als ‚Plädoyer für mehr Einfachheit und Würde‚ gemeint und wird eingeleitet mit den markigen Worten ‚Der kapitalistische Lebensstil ist verlockend, aber ein ökologisches Desaster. Die Digitalisierung verschlimmert die Lage […]‚.

Wesentliche Feststellungen teile ich mit dem Niko Paech:

  • Die kausalen Auswirkungen der Erhöhung von Arbeitsproduktivität aufgrund der technischen Fortschritte (auf Basis der bisher erfolgten industrieller Revolutionen) haben auch zu einer ungebremsten Wachstumslogik beigetragen, die sozial und ökologisch negative Folgen generiert.
  • Eine grundlegende kapitalistische Wachstumslogik, die grundlegend zur Vermehrung des Wohlstandes führen sollte, ist zum Wachstumszwang für Unternehmen und Konzerne mutiert, der im globalen Wettbewerb eine stetige Rationalisierung und skrupellose Optimierung, ökologische Rücksichtslosigkeit und eine tief verankerte Konsumaffinität fordert und kultiviert.
  • Die technik- und konsumaffinen Regionen agieren global überheblich ob ihrer Modernität und führen den ‚Verlierern‘ der industriellen Revolutionen ihren Modernitätsrückstand vor. Die normativen Wertgefüge geraten somit ins Wanken und substituierend wird Neid bzw. Bedarf geweckt.

Im Hinblick auf den technischen Fortschritt sehe ich die Sache etwas anders. Manche Gedanken in diesem Zusammenhang möchte ich also nun etwas weiter ausführen.

Ursächlich sind nicht neue Technologien Schuld an soziopolitischen Desastern und eben sowenig ist Technik alleine Schuld an den katastrophalen Umweltverschmutzungen und -Zerstörungen dieser Tage. Das Problem ist vor allem, dass die gesellschaftliche Weiterentwicklung im ethischen, moralischen, gemeinwohlorientierten, wertebezogenen, spirituellen … Sinne einfach weniger schnell voranschreitet als die globale Wirtschaft Realitäten auf Basis des Wachstumszwangs schafft.

Unternehmen, Konzerne, Finanzsysteme, Banken … finden es heutzutage um weiter wachsen zu können (was die einzig übrige, überlebensfähige Strategie zu sein scheint?) logisch, moralisch fragwürdige Schritte gehen. Schritte, die oft mit dem Gemeinwohl oder Nachhaltigkeit nicht im Geringsten vereinbar sind.

Man denke z.B. an die immer weiter aufgeblähte und letztlich geplatzte Immobilien-Blase in den USA, die mitunter ursächlich mit der letzten Wirtschaftskrise verflochten ist. Wie kann es soweit kommen, dass sich Menschen so krass über-/verzocken, so dass weite Teile der Welt in eine Wirtschaftskrise geraten? Das alles ist immer nur möglich, weil Wirtschaft Wettcharakter kultiviert hat, und alle sind am Tisch und zocken.

Man kann sich aber auch die heutige Praxis des Hochfrequenzhandels ansehen, in dem es natürlich schon lange nicht mehr um den Handel von Firmenanteilen geht, weil ein liquider Jemand an eine Firmenidee glaubt und deshalb in Firmenanteile investiert. Klassische Anleger gibt es natürlich noch, aber es ist immer attraktiver geworden, sich überhaupt nicht mehr mit den eigentlichen Gegenwerten (wie einem real existierenden Unternehmen), sondern allein mit schwankenden Kursen und der Option auf Umsatz zu beschäftigen. Das Finanzsystem ist – übrigens ob mit oder ohne Blockchain-Technologie – vollständig abstrakt geworden, so wie das Geld schon lange selbst ein abstraktes Mittel ohne echten Eigenwert ist. Die Regeln innerhalb dieser Systeme sind meist ebenso abstrakt und basieren doch meist auf systemimmanenten Kausalitäten.

Heute werden viele große Unternehmen zudem nicht mehr von ihren Gründern geleitet, sondern von CEO’s, die für konkrete Ziele von den Anteilshabern / Gesellschaftern zum Zwecke des Wachstums eingesetzt werden. Der Kurs, den diese Wirtschaftskapitäne einschlagen, ist oft dementsprechend ebenso abstrakt. Das einzige, was oft den Kurs kontrolliert, sind quartalsweise Umsatzziele und das plumpe Ziel ist double-digit-growth / deutlich zweistelliges Wachstum. Warum? Oftmals allein wegen Renditen und Dividendenausschüttung für diejenigen, die entsprechend viele Anteile besitzen. Die Wohlstandsvermehrung weniger ist oft allein Sinn und Zweck einer Unternehmung und grundlegend Motivation für Investments bzw. Fremdkapitalgeber. Zocken alleine wäre ja vielleicht noch in Ordnung, das Hauptproblem ist allerdings ein uraltes Prinzip, was da heißt ‚The rich get richer‘.

Eine Wirtschaftskrise wie die letzte führt bei vielen Menschen zur Armut, Obdachlosigkeit, völliger Überschuldung und letztlich zum sozialen Abstieg. Einige wenige jedoch gehen stärker/wohlhabender aus einer solchen Krise heraus. Die globale Verteilung von Wohlstand wird zunehmend absurder, denn immer weniger besitzen immer mehr.

Image: Oxfam
Image: Oxfam

Nachzulesen auch hier https://t.co/Kb5EYrIYP0

Dass der Reichtum und Wohlstand so ungerecht verteilt ist, ist eines der größten Probleme unserer Zeit und meiner Meinung nach auch ursächlich damit verbunden, dass technologischer Fortschritt falsch eingesetzt wird. Mit dem Geld der 62 reichsten Menschen der Welt könnte man problemlos viele große Probleme unserer Zeit lösen, aber offensichtlich wird es dafür eingesetzt, mehr Anteile des Gesamtkuchens zu vereinnahmen. Über die einzelnen Personen möchte ich gar nicht urteilen, ich will nur sagen, dass Mittel und Technologie für die Konzentrierung oder Demokratisierung von Macht eingesetzt werden können. Innovation kann durch den Zwang zu mehr Wachstum gefordert werden oder aus der Absicht heraus eine lebenswertere, ja bessere Welt zu gestalten.

Technologie ist also nicht zu fürchten, sondern nur die falsche Motivation der Menschen.

Aus einer falschen Motivation ergeben sich auch absurde Logik-Konstrukte, wie z.B.

  • Dass Quantität besonders gut ist (weil etwa mit hohen Stückzahlen niedrigere Herstellungs-/Einkaufspreise und somit bessere Margen erzielt werden können)
    • … dass Quantität manchmal besser als Qualität oder hochwertige Arbeitsbedingungen bei der Herstellung eingestuft wird
  • Dass sich Unternehmer seinen Investoren gegenüber mehr verpflichtet fühlen als seinen Mitarbeitern/seiner Belegschaft gegenüber
  • Dass neue Technologie zur Rationalisierung eingesetzt wird, ohne dabei Mitarbeitern vorher Alternativen zu schaffen
  • Dass organisches Wachstum aus der Mode zu sein scheint
  • Dass umweltzerstörendes Wirtschaften überhaupt als positiv betrachtet werden könnte
  • Dass geringes Wachstum schon beinahe als unerfolgreich betrachtet wird
  • Dass viele Unternehmen sich Quartalsziele aufoktroyieren lassen und dabei nachhaltige Strategien nur nebensächlich verfolgen können
  • usw.

Die heutige Weltgesellschaft hat es definitiv noch nicht geschafft, funktionierende Alternativen dem Wachstumsglauben faktisch entgegenzustellen. Nun gibt es definitiv genügend andere Ansätze, wie man Leben und Gemeinwohl sinnvoller begünstigen könnte. Man denke an Bhutan, in dem der Umweltschutz sowie ein nicht wachstumsorientiertes Wirtschaftsmodell in der Verfassung verankert sind.

Doch auch weniger umfassende Themen sind bislang nicht vollbracht worden, etwa eine für das Gemeinwohl sinnvolle Besteuerung aller, eben auch der Reichen und ‚Super-Reichen‘. Man erinnere sich nochmal an die Entwicklung der weltweiten Verteilung des Wohlstandes – eine vernünftige Besteuerung und der richtige Einsatz dieser Steuereinnahmen könnte faktisch viele globalen Probleme beheben.

Zurück zum Thema Fortschritt …

Ich bin davon überzeugt, dass technologischer Fortschritt selbst nicht ursächlich zu weltweiten Fehlentwicklungen führt, sondern dass Technologie zum Zwecke falscher Ambitionen oder durch die Macht der falschen Leute eingesetzt wird. Die Technologie der Schrift kann in Afrika, Tibet oder in Deutschland für Aufklärung oder Propaganda benutzt werden. Ein Hammer kann für das Aufhängen eines Kunstwerks benutzt werden oder als Mordwaffe dienen. Dem Hammer kann man dies wohl kaum vorwerfen, sondern dem Menschen der ihn zum Töten benutzt. Die Entwicklung und der Einsatz jedweder (neuen) Technologie setzt also immer ein hohes Maß an Verantwortungsbewußtsein, sozialer Empathiefähigkeit und grundlegender Reflektiertheit voraus, so dass sie die globale Gesellschaft positiv voranbringen kann. Bei aktuellen Hype-Themen wie AI / künstliche Intelligenz / Robotern oder der Digitalisierung ist das natürlich nicht anders. Diese Themen eignen sich hervorragend um Arbeitsplätze zu zerstören, aber auch um neue zu schaffen. Sie können dem Menschen Nutzen bringen oder im Falle von AI-Dystopien dem Menschen Konkurrenz machen oder ihn im Äußersten eliminieren. Doch wir sollten nie vergessen, dass jederzeit Menschen dafür verantwortlich sind, wie Technologie eingesetzt wird. Wenn die Technologie selbst zum Sündenbock gemacht wird, dann entfremdet sich der Mensch von seiner eigenen Verantwortung gegenüber der Welt, die er mit seinem Handeln aber wahrnehmen muss. Anders kann es einfach nicht funktionieren bei mehr als 7 Mrd. Menschen.

Innovation wird heute zumeist auf technologische Innovation reduziert, allerdings sollte im Gegenteil viel mehr Aufwand in gesellschaftliche Innovation investiert werden und mehr Fokus eben darauf liegen. Dazu gehört nicht nur die Weiterentwicklung oder Erneuerung (~Innovation) von Bildung, sondern eben auch ein strukturierter Prozess in dem gesellschaftliche ‚Pain-Points‘ (wie z.B. eine Ungleichverteilung der Mittel) in Form neuer Lösungsideen einer breiten Diskussion unterzogen werden. Diese Aufgabe kann und sollte nicht allein von der Politik ausgehen, da ein demokratisches System etwa naturbedingt langsam ist und Politik auch ihre repräsentative und nicht vor allem kreative Aufgabe übernehmen sollte. Die Grenzen des Wachstums (siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Grenzen_des_Wachstums) sind nun schon seit Jahrzehnten diskutiert, doch trotz allem werden Leute wie Trump, die das Gegenteil jeglicher Nachhaltigkeit oder Reflektiertheit repräsentieren, heute noch Präsident der USA. Ein lächerlicher Hohn. Mit der Welt läuft definitiv einiges falsch, aber meiner Meinung nach ist dies gerade der Mangel an Fortschritt – und zwar der Mangel an global-gesellschaftlichem Fortschritt, der Mangel an intellektuellem und mentalen Fortschritt. Für die meisten Menschen (mich eingeschlossen) ist die Komplexität der heutigen, menschlichen Welt nicht mehr annähernd zu begreifen. Man wird nicht alt genug oder hätte genug Lernzeit zur Verfügung, als dass man bei der steigenden Welt-Komplexität Schritt halten könnte. Im Grunde müsste doch jeder Mensch begonnen von der Relativitätstheorie bis zur Quantenmechanik, vom Verbrennungsmotor bis zum neuronalen Netzwerk, von der Geschichte bis zur Philosophie und Kultur sowie Kunst im Speziellen (usw.) alles wenigstens grob nachvollzogen haben, um sich ein annäherndes Bild der menschlichen Lebenswirklichkeit aufbauen zu können. Und um den eigenen Lebensspielraum gut und kreativ nutzen zu können. Vielleicht ist gerade dieses Nicht-Schritt-halten-können bzgl. der Komplexität der Lebenswirklichkeit eine mögliche Begründung, warum Populisten, welche sich einfacher Behauptungen und Polarisierungen als vermeintliches Lösungsmodell für komplexe Problemstellungen bedienen, momentan leider erfolgreich sind. Menschen müssten als Grundrecht die Möglichkeit zugestanden bekommen, die Realität nachvollziehen zu können, um im eigenen Sinne innerhalb dieser zu agieren, aber auch um die Rolle eines konstruktiven Mitglieds der menschlichen Gesellschaft zu übernehmen. Das Bildungssystem ist aber schon lange vom holistischen Ansatz abgewichen und hat, auch um der Wirtschaft den benötigten Nachschub an Ressourcen zu verschaffen, die funktionsnützliche / joborientierte Spezialisierung vorangetrieben. Praxisnäher oder auf den Job ausgerichtet sind nun viele Studiengänge, allerdings bedeutet dies gleichermaßen dass der Anteil übergreifender Bildungsmöglichkeiten logischerweise reduziert wurde, eben zugunsten der Spezialisierung. Pragmatisch wäre dies für individuelle Karrieremöglichkeiten und für den benötigten Nachschub für Unternehmen an hochqualifizierten (aka. sehr fokussiert ausgebildeten) ebenso gut, ohne Zweifel. Doch subjektiv empfinde ich es eben auch so, als ob die intellektuelle Vielfalt und Qualität in diesem Lande geschrumpft ist. Vielleicht ist dies ein falsche Wahrnehmung, aber einige gesellschaftliche Entwicklungen sprechen für eine dramatische Unterbesetzung der intellektuellen Kräfte. Das sind Entwicklungen wie etwa der in Europa umgreifende Erfolg von Populisten; … die Art und Weise wie plakativ manche Themen medial debattiert werden, z.B. wenn es um Religionen geht und plötzlich eine in meinen Augen lächerliche Burka-Debatte entfacht; … wie oberflächlich generell manche Themen gehandhabt werden oder wie kurz die Aufmerksamkeitsspanne gegenüber vielen Themen ist (was ist z.B. mit dem Thema Whistleblowing passiert, was ist nun der Schluss in Sachen Meinungsfreiheit, warum wurde der Irak nochmal ‚präventiv‘ angegriffen, was ist mit der Krim und der Ukraine, …). Um wieder auf die Technologie zurück zu kommen – die Mechanismen rund um das Agenda-setting scheinen grundlegend intakt zu sein, selbst wenn wir aus allen Regionen der Welt heutzutage rund um die Uhr realtime mit Informationen über jedwede Kommunikationsinfrastruktur versorgt werden müssten und somit ein breiteres Angebot wahrnehmen könnten. Doch die Welt ist auch hier zu komplex, als dass alle relevanten Informationen Platz innerhalb der öffentlichen Debatte hätten. Technologie hilft nicht, wenn grundlegende Strukturen oder Mechanismen unzureichend aufgebaut sind. Gerade dann aber kann sie von z.B. Populisten oder ideologisch motivierten Subjekten zu Propagandazwecken missbraucht werden. Die Technologie sollte man dann nicht für den Missbrauch verurteilen, sondern man sollte überlegen, wie man mit Missbrauch umgeht.

Im Fazit – ich finde, dass in der globalen Weltgesellschaft noch einige immense Herausforderungen zu stemmen sind. Vom Erhalt und Schutz der Umwelt bis hin zur Gleichverteilung der Mittel und Möglichkeiten aller Menschen. Der technologische Fortschritt ist aktuell schneller als der gesellschaftliche / soziopolitische Fortschritt und hier ist Nachholbedarf angesagt. Wie mit neuen Technologien umgegangen wird, sollte gesamtgesellschaftlich schon diskutiert sein, bevor ein ausschließlich umsatzgetriebener Konzern etwa Roboter auf den Markt schüttet. Wachstum ist nicht unlimitiert, das Überreizen der Limits wird katastrophale Folgen für uns und den Planeten haben. Es ist an der Zeit, dass neben Wirtschaft, Bildung, Politik etc. eine neue intellektuelle Generation die gesellschaftliche Zukunft mitgestaltet und außerhalb von Sach- und Wachstumszwängen Alternativen diskutiert und in die Gesellschaft trägt.

 

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