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Werden Automaten meinen Job streitig machen? Sci-Fi Technologie 

Werden Automaten meinen Job streitig machen?

Aktuell ist der gesamte, wenig trennscharf debattierte Themenkomplex hinsichtlich KI (künstliche Intelligenz), Machine Learning / Deep Learning, Big Data, (Chat) Bot Technologie etc. stark gehyped. Sicher haben hier viele Aspekte dazu beigetragen, dass gerade jetzt dieser extreme Hype entstanden ist, was hier jedoch nicht näher untersucht werden soll. Fest steht, dass aktuell viele Anwendungsgebiete in den Zusammenhang mit Machine Learning gebracht werden und immer mehr Ansätze vermarktet und vorgestellt werden. Entwicklungen im Bereich selbstfahrender / autonomer Fahrzeuge werfen dabei nicht nur ethische oder Versicherungsfragen auf, sondern stellen ganz sicherlich früher oder später den ein oder anderen Taxi- und LKW-Fahrer vor existentielle Fragestellung der zukünftigen Einkommenssicherung. Gleiches gilt für den Bereich der Warenzustellung, denkt man an Feldversuche mit Drohnen oder autonomen Robotern, die  z.B. innerstädtisch Pakete zustellen sollen. Chat Bots werden zeitgleich mit der Absicht gezüchtet, zumindest Teile des bis dato menschlich-menschlichen Kundenkontakts (etwa Support oder bei Pizza-Bestellungen) durch nicht-humanoide Helferlein zu erweitern.

Zurück zu der eigentlichen Frage, ob Automaten (~KI’s, Bots, Roboter, autonome Systeme …) nun Jobs streitig machen wird …

Die Kausalität von Effizienz, Wettbewerb und Struktur

Ganz bestimmt sollte man annehmen, dass aufgrund von wirtschaftlichen Faktoren diverse Arbeitsgebiete durch solche Technologien (also das Sammelsurium aus KI, Bots, etc.) ersetzt oder in Teilen ergänzt werden. Maschinen und Algorithmen weisen nun mal konkrete Vorteile im Vergleich zur menschlichen Arbeitskraft auf, die man rein rational nicht von der Hand weisen kann. Ein Roboter beschwert sich nicht im Falle Überstunden, muss nicht motiviert werden um den Dienst anzutreten, ist bezüglich Verschleiß und Ausfall berechenbarer und führt bestimmte Aufgaben akkurat und vorhersagbar effizient aus. Das ist für die Bewerkstelligung verschiedener Abläufe ohne Frage attraktiv für Unternehmen. Wie stark und in welche Bereiche sich ‚die Armee der Automaten‘ weiter verbreiten bleibt insgesamt vermutlich noch abzuwarten, aber ist von vielen Faktoren neben der reinen Effizienzbetrachtung abhängig. Denn letztlich wird die Verbreitung neuer Technologien sicher auch zu strukturellen Veränderungen führen, die eine Vorausschau schwierig machen. Werden neue Unternehmen z.B. autonome Fahrzeuge im Bereich Personen- oder Gütertransport etwa als Konkurrenz zu bisher dominierenden Unternehmen einsetzen oder werden sie vielmehr die Fahrzeuge / Technologie inklusive damit verbundener Dienstleistungen Partnern im Sinne einer Infrastruktur zugänglich machen? Wie werden Politik, Gewerkschaften, Versicherungen etc. auf etwaige Veränderungen reagieren? Inwieweit dominieren hier sozioökonomisch globale oder lokale Faktoren das Ergebnis? Welche Technologien werden am Ende des Tages vom Konsumenten schnell adaptiert und welche Konzepte scheitern am Markt?

Ich vermute, dass neue Monopole bzw. Platzhirsche entstehen werden, die man heute noch gar nicht auf dem Schirm hat. Und vermutlich gerade in den kapitalintensiven Bereichen, in denen künstliche Intelligenz eine attraktive Anwendung wäre. Autonomes Fahren dient hier als gutes Beispiel: Sich den aktuellen Automobilkonzernen als neuer Wettbewerber zu stellen ist nicht einfach und verschlingt neben der eigentlichen Entwicklungsleistung ein übertriebenes Maß an Aufmerksamkeit und finanziellen Mitteln. Diejenigen, die dieses Wettrennen gewinnen werden (damit meine ich nicht diejenigen, die einen Prototypen vorstellen, sondern jene sich am Markt behaupten werden), müssen in einem solchen Fall über immense Fremdmittel und viele Helferlein im Hintergrund verfügen. Dies vorausgesetzt, werden dann neue Unternehmungen im Bereich autonomes Fahren nicht das Ziel haben können kleine Brötchen zu backen, sondern müssen eine dominierende Marktstellung anstreben. Insofern kann ich mir hier sehr gut vorstellen, dass aus existentieller Kausalität neue Big Player entstehen müssen, die vielleicht in Folge den Preis um die Dienstleistung des weltweiten Personen – oder Gütertransports diktieren werden. Die Politik wäre hier logischerweise direkt mit auf dem Plan, aber erfahrungsgemäß sehr langsam in ihrer Wirksamkeit, denkt man etwa an die Debatten, die heute noch im Bezug auf Datenschutz etc. mit den alten New Economy Riesen zu schlagen sind 😉 Wie sich alles genau entwickeln wird, ist heute noch im Nebel der Möglichkeiten verborgen. Doch dass hochfinanzierte Unternehmen mittelfristig versuchen werden aggressiv am Markt zu punkten, ist wohl stark anzunehmen. Das Ergebnis dieser Entwicklungen wird im Sinne der sich durchsetzenden Unternehmen Gewinner und Verlierer produzieren. Es werden neue Jobs entstehen und andere werden vernichtet. Der Taxi- oder Brummi-Fahrer wird aber sicherlich nicht auf der Gewinnerseite stehen können. Solche Entwicklungen sollten heute schon politisch diskutiert werden.

Chat Bots, wtf?

Wieso werden nun eigentlich Chat Bots auch in diesen dystopischen Topf der Machtübernahme der Maschinen geworfen? Algorithmen mit dem Ziel im Dialog mit dem Menschen standzuhalten, sind zunächst alles andere als neu. Es gibt auch tatsächlich schon seit einiger Zeit Chat Bot Ansätze. Neu ist vielleicht, dass über die letzten zwanzig Jahre das Sammeln und Auswerten von Daten (qualitativen oder quantitativen, nicht-strukturierten oder strukturierten …) durch die digitale Vernetzung und die Leistungsfähigkeit von Systemen und Algorithmen immer weiter getrieben wurde. Ob nun im Rahmen von Anwendungsgebieten wie Social Media, Finanzsystemen oder IoT (Internet of Things), immer mehr Datenströme mussten immer schneller und für immer neue Fragestellungen ausgewertet werden. Die Rechen- und Speicherleistung (im Preis-Leistungsverhältnis) ist dabei immer günstiger geworden (wie sich dieser Trend weiter entwickelt, hängt aktuell wohl eher von dem ab, was nach dem Ende von Moore’s Gesetz geschieht), so dass es heute für einen 0-8-15-Entwickler eben auch infrastrukturell möglich ist, sich ein fancy neuronales Netzwerk zu stricken, welches aufgrund visueller Auswertung Erbsen von Bohnen unterscheiden können soll. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass vor 15 Jahren die Herausforderung darin bestand, wie man z.B. Daten für Marktforschungszwecke auf Basis von Online Befragungen bzw. Surveys richtig sammelt. Heute stellt sich vorrangig die Frage, welche Erkenntnisse aus all diesen Daten abgeleitet werden können und wie man Vorhersagen treffen könnte. Dementsprechend sind viele Anwendungen schon längst aus der ursprünglichen Grundfragestellung herausgetreten und heute unweigerlich an einer nächsten Evolutionsschwelle angelangt, in der das Ziel ist, mehr zu können. Ob dies nun Vorhersagefähigkeiten, das Erkennen von Abweichungen, neue Geschwindigkeitsrekorde bei komplexen Berechnungen oder andere nächste Level sind, die es zu erklimmen gilt. Wirtschaft und Wettbewerb kultivieren die Kausalität des nächsten Schritts ins Unermessliche, so dass es eigentlich kaum vorstellbar ist, dass nicht-humanoiden Gesprächspartnern, Assisten und Agenten etwas im Wege stünde. Und warum auch? Eines der besten Interfaces in der Mensch-Maschine-Interaktion wäre sicherlich das, welches nicht erlernt werden muss, vollständig effizient ist und sich auf den Menschen einstellt (und eben nicht umgekehrt). Die Sprache als ein Interaktionsmedium böte sich hier sicher an, bedingt aber auch alle qualitativen Aspekte. Im Endeffekt müsste Software, die vermittels der Sprache mit dem Menschen interagiert, auch Humor, Sarkasmus, Redewendungen und vieles mehr auf Basis der kontextsensitiven Bedeutung von simpler Informationsweitergabe oder Anweisungen trennen können. Dies erfordert aus meiner Sicht noch einen langen Weg. Selbst Star Treks Data hatte Probleme, dem menschlichen Gefühlswirrwarr eine eindeutige Antwort abzuringen.

Aber schon die Idee und der Erfolg von Data als Figur in einer Sci-Fi-Serie zeigt, wie gern der Mensch dieses nicht-menschliche Gegenüber sehen würde. Wie schön wäre es doch, wenn ein super-intelligentes Gegenüber dem Menschen ein Freund sein könnte? Die Neugier, was der Mensch durch dieses Gegenüber über sich selbst lernt, ist tief verankert und unstillbar. Die literarische Weltgeschichte ist im Grunde voll von Golems, Humunkuli, Robotern und künstlich geschaffenen Kreaturen, denn durch sie versucht der Mensch sich selbst, sein Wesen und seine Bestimmung besser zu verstehen. Chat Bots haben nun die simple Eigenschaft für den Dialog mit dem Menschen gezüchtet zu sein. Meist stark limitiert in einem bestimmten Szenario, wie etwa als Helpdesk-Bot. Endlich kann der Mensch jetzt aber mit der intelligenten Maschine reden, sie fragen, potentiell über sich selbst nachdenken. Bots könnten sich aber auch genauso gut mit einem anderen Bot unterhalten (ein übrigens attraktives Anwendungsgebiet), um z.B. Preise zu prüfen und dem Menschen falls nötig Einstieg in diesen Dialog zu erlauben. Genauso gut können sie sich vor allem aber mit z.B. 100 Menschen und / oder 100 Bots parallel unterhalten. Ich kann das definitiv nicht. Somit hätte ein kleiner, unauffälliger Bot, der typischerweise mit einem einzelnen Menschen lediglich zwei Fragen zum Service erörtert eben zusätzlich die Möglichkeit extrem effizient zu skalieren und tausenden Menschen parallel zu sprechen. Diese parallel geschalteten Menschen produzieren dadurch schnell eine große Datenmenge, eine erweiterte Datenbasis, die den eigentlich Lernansatz (ein Machine / Deep Learning Model auf der der Bot und andere Services operieren) weiter befeuern. Ehrlich gesagt habe ich bislang noch nicht viele Bots gesehen (also noch nicht oft mit solchen gesprochen), die einen Dialog richtig zufriedenstellend führen könnten. Aber letztlich ist heute der Turing-Test sicher auch nicht mehr die einzige Herausforderung, die es zu bestehen gilt. Man sollte bedenken, dass Bots von heute in der Regel nicht dazu dienen, jeglichen Dialog führen zu können, sondern spezifische Dialoge in spitzen Anwendungsfällen gut zu meistern. Z.B. im Falle einer Pizzabestellung, bei einem Supportfall oder Service-Anliegen oder als Assistent, der bei der Planung und Terminabstimmung für Meetings hilft. Viele große Unternehmen wie Google oder Amazon haben inzwischen in die Entwicklung von Spracherkennung, künstlicher Intelligenz und eben auch Bot-Technologie investiert. Es gibt inzwischen viele SDK’s und frei verfügbare Starthilfen für die Entwicklung von Bots. Siri und Cortana (die meist dem Bereich der Sprachassistenten zugeordnet werden) haben schon längst den Weg in die Endconsumerwelt geebnet. Bots – in welcher Ausprägung auch immer – werden weiter existieren. Ich persönlich glaube jedoch, dass Chat Bots nur ein Vokabular von heute sind und in Zukunft generell die Interaktion von Machine-Learning gestützten Diensten mit dem Menschen eine immens große Rolle einnehmen werden. Die netten Bot-Feature, die zum Bestellen einer Pizza eingesetzt werden, sind so trivial und auf lange Sicht nervig, dass diese Ausbaustufe nur ein historischer Zwischenschritt bleiben wird. Einem Bot, der nur eine Pizzabestellung aufnehmen kann, sage ich also definitiv keine große Zukunft voraus, aber die Technologie die im parallelen Dialog mit Millionen Menschen lernt um ihren Nutzen und die eigenen Fähigkeiten zu optimieren, wird sicherlich konsequent Einzug halten.

Eigentlich ist es doch schon lange klar

Bots, effizientere und vielseitigere Roboter für industrielle Einsatzzwecke, lernende Systeme, autonome Systeme für bestimmte Einsatzgebiete … – all das steht für Entwicklungen, die nicht rückgängig gemacht werden und die momentan erst richtig an Fahrt aufnehmen. Man sollte heute akzeptieren, dass die menschliche Gesellschaft vor großen Veränderungen steht, genauso wie die Industrialisierung das Gesicht des Planeten und sämtliche Bereiche menschlichen Tuns nachhaltig verändert hat. Auf kurze und mittelfristige Sicht werden Arbeitsplätze verloren gehen. Insbesondere solche Jobs, die wenig Kontext-Interpretation bedingen, ggfs. monoton und leicht zu replizieren sind. Jobs, in denen das menschliche Gegenüber nicht zwingend zum positiven Kundenerlebnis oder der Qualität beiträgt. Jobs, in denen Aspekte wie Effizienz, Skalierung und Kosten vorrangig die Marktposition bestimmen. Mit dem Wandel dieser Arbeitsstrukturen setzt sich das fort, was in der Bronzezeit begonnen hat, über Buchdruck, die Industrialisierung und Digitalisierung führt und auch an dieser Stelle nicht Halt machen wird. In jeglichem Science-Fiction Film übernehmen Roboter oder KI’s Aufgaben neben dem Menschen und niemanden würde dies während eine Filmvorführung im Kinosaal überraschen. Das diese Veränderungen eintreten werden, ist längst fest im kulturellen Gedächtnis der post-industriellen Gesellschaft verankert. Warum sollte sich also eine andere Entwicklung zeigen?

Viel spannender ist die Frage, welche neuen Perspektiven und Möglichkeiten durch diese Technologie geschaffen werden und welche Vorbereitungen eine Gesellschaft heute für den Wandel treffen müsste. Muss eine Gesellschaft etwa mehr Programmierer als LKW-Fahrer hervorbringen? Wie viel Bildung muss dem Menschen als Grundrecht angediehen werden, damit er sich in einer Welt entwickeln oder ernähren kann, in der ein autonomes Fahrzeug den Taxifahrer überflüssig macht oder ein Supportmitarbeiter auch eines Tages durch einen Bot ersetzt werden könnte? Wie sieht die Zukunft der Wertschöpfung aus, wenn diese Mechanismen greifen? Wer partizipiert wie am wirtschaftlichen Erfolg einer Gesellschaft und wie Verteilt man den Erfolg einer Gesellschaft fair? Aus meiner Sicht sollte bereits heute ein gesellschaftlicher Dialog stattfinden, in dem die Zukunft der Arbeitswelt auch eben solche Fragen hinreichend thematisiert. Das Thema künstliche Intelligenz ruft viele Dystopisten und Utopisten auf den Plan. Für die einen ist diese Entwicklung der Anbeginn des Weltuntergangs und für den anderen eine Chance für eine positive, gesamtgesellschaftliche Weiterentwicklung. Ich denke, beide Extrempositionen helfen gedanklich weiter, vermute aber selbst, dass der menschliche Wettbewerb und die globale Heterogenität nicht zu dem einen flächendeckenden Ergebnis führen werden, sondern dass Gesellschaften mit dem möglichen Potential sowie dem Schaden im Zusammenhang mit neuen Technologien unterschiedlich umgehen werden. Kann man sich z.B. vorstellen, dass eine vollständig erschlossene und entwickelte KI in Form einer neuen Massen-Technologie in Afrika, USA, Russland und Japan etwa zum gleichen Ergebnis führt? Ich aktuell nicht.

Fazit: Was ist nun mit Jobs? Werden Menschen den Arbeitsplatz an Konserven abtreten? Ein klares Ja. Bestimmte Arbeitsprofile werden mittelfristig ganz sicher im Wettbewerb zu Automaten und Algorithmen stehen und diesen nicht gewinnen können. Jetzt sollte darüber gesellschaftlicher Diskurs stattfinden, wie man diese Situation gestalten möchte und müsste und wie die zukünftigen Voraussetzungen für Arbeit aussehen können.

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