Gesellschaft Sammelsurium 

Wo sind eigentlich die jungen Wilden?

Das ist vermutlich ein Post vom digitalen Altern. Mit Retro-Tränchen im Knopfloch geschrieben, mit altersbedingtem Starrsinn angefeuert, mit viel Lapidarem getüncht. Und doch …

Ich habe mich so manches Mal gefragt, wo eigentlich die ganzen jungen Wilden der digitalen ‚Boheme‘ geblieben sind? Gibt es sowas eigentlich noch oder sind die heute alle etabliert?

Im Ernst, heute bauen die wilden Jungen zwar immer noch Startups, sind schwer entrepreneurich, aber auch nicht selten mega-angepasst, unglaublich spießig und versessen darauf in erster Linie Ihren Platz in der Welt zu finden. Da fehlt es oft an Scharfkantigkeit, an der Dreistigkeit von Thesen, an dem Willen der Jugend alles anders zu gestalten. Manches Mal denke ich, das sind biologisch junge Körper, die Renter spielen, die antreten.

Ist das ein Generationsding? Bin ich einfach nur zu alt, um diesen Habitus zu checken?

An manchen Tagen stelle ich mir vor, dass es den 68ern auch so gegangen sein muss, als schließlich silberne Nadelstreifenanzüge, Benz‘ und überbordende Dauerwellen der neue Status Quo wurden.

Die Welt bewegt sich wellenförmig. Auf und ab. Mal dominiert die Aufbruchstimmung, mal pendelt sich alles wieder ein – ins Konservative. Aktuell sind wir alle in einer Blase des Rückschritts gefangen. Dieser Rückschritt ist punktuell, immer beinahe charikaturistisch, aber auch ärger und flächendeckender als man anzunehmen geneigt ist.

Doch die neue Spießbürgerschaft ist zugleich Ursprung für neuen Widerstand.

Der Digital State of Mind heute ist nur Growth Hacking :: FUCK!

Es gab Zeiten, in denen Wissenschaftler von der globalen Vernetzung, dem multikulturellen und multidirektionalen Austausch der Informationen und Meinungen geträumt haben. Die neuen Informationstechnologien befeuerten schwelende Sozialutopien, und diese schufen dann eine Generation von eigenwilligen Menschen, die kreative Projekte oder soziale Bewegungen lostraten.

Die alten digitalen Vorreiter befassten sich auch aus Spaß am Forschen, Neugier und Experimentierwillen mit der Sache. Nun, da nahezu alles tradiert erscheint (was ja Quatsch ist !), sind viele nurmehr Söldner. Wenn nicht Konzern-Söldner, dann mindestens Söldner im einfachsten Sinne – bereit für den finanziellen Erfolg alles zu tun. Welche Zukunft man damit entwirft, ist in vielen Fällen geradezu nebensächlich.

Diese neue Vernunft ist nicht besonders kreativ, nicht sozial disruptiv, nicht unbedingt zukunftsweisend.

Sie ist oftmals altbacken, silberstreifen, manchmal beinahe prostituierend, und auf’s Einfachste bezogen: dem Überleben im finanziellen Bestätigungsloop.

Aber guck Dir nur an, welche Visionen Jaron Lanier zur VR hatte. Doch was ist VR nun wirklich, so viele Jahre danach? VR Porno, VR Gaming und ein paar weitere hochaufgelöste Anwendungen in Industrie und nicht zuletzt für die selbsterfüllenden Prophezeiungen des Magic Quadrant. Es mangelt hier an kreativen Ideen, wie das Potential von Virtual Reality für den Menschen erschlossen werden kann. Die meisten Anwendungen replizieren einfach nur das bereits Bekannte für den Massenkonsum.

Ein anderes Beispiel … Denk nur an die Idee der MEMEX von Vannevar Bush ( as we may think | MEMEX of Bush ) – heute ist so ein MEMEX-Konzept technisch kein Ding mehr – quasi Evernote, aber auch einfach: nicht mehr so spannend. Wie viel Prozent der Menschen machen sich denn heute wirklich die Mühe, Informationen ständig selbst zu bewerten, subjektiv zu verknüpfen, anzureichern … Die euphorische Phantasie von damals verkommt in der Gegenwart zum vielleicht lästigen Ding, cool aber aufwändig eben. Unvorstellbares Potential von damals wird zu ungeheuerlich anstrengenden Routinen in der Gegenwart. Soll’s doch einfach die KI machen! Sollen es die Recommendation Engines richten – die verknüpfen mir die Infos schon passend und vor allem komfortabler.

So vieles wäre eigentlich zu erwähnen, um das Bild zu verdeutlichen. Von Licklider & Taylor (http://memex.org/licklider.pdf) über so viele andere Pioniere. Aber alle feiern letztlich doch irgendwie nur Steve Jobs. Hui. Jetzt feiern alle Richard Branson. Oder eben andere Milliardäre.

Die jungen Wilden finden finanziellen Erfolg einfach geil. Milliarden sind geil. Solarium ist geil. Geissen und Bohlen sind geil. Mit 20 Millionär sein ist geil. Denn Geld ist Erfolg. Und Erfolg gibt einem Recht.

DRUM BEDENKE: Fokus ist alles. Wachse. Sei geil!

Growth Hacking als perverse Worthülse ist hier z.B. das Ding.

ALLES ist auf CONVERSION gezüchtet. Alles muss beschleunigt wachsen. Das Growth Mindset. Das Ego. Produkte. Du brauchst ein Produkt – welches genau ist nebensächlich, mit geiler Conversion und schnellem Wachstum. Nicht unbedingt eines, was hilft und erheblich nützlich ist. Denn Churn oder Retention werden nur bei mittel- bis langfristigem Denken zu Problemen. Wenn Du nur kurzfristig genug getaktet bist, kannst Du Dich direkt auf den Exit konzentrieren und dann problemlos mit dem nächsten großen Ding befassen. Nachhaltiges Aufbauen eines relevanten sozialen Gefüges oder einer nennenswerten Vision ist unmodern und vielleicht unlukrativ, insofern ist es einfach nicht so vorrangig geil. Modern sind da eher die knackigen KillerApps oder ein poliertes Pitchdeck. Gut ist das Ding für genau JETZT! Gut ist auch die Recommendation Engine, die mir sagt, welches Lied ich gut finden soll und mir diese lästige Wahl einfach abnimmt.

Ich finde das leider LAME!

Ich bin aber auch alt. Und als jemand der Kaiser auf dem C64 gespielt hat, darf man das in dem Kontext ruhig sagen.

https://www.c64-wiki.de/images/3/39/Kaiser_Animation.gif
Quelle: c64-wiki.de

Nicht nur die Recommendation-Generation, sondern auch ihre Welt wird untergehen

Digital ist heute: Faszination, Versprechen, Smart, Multiplikator, Geil.

So wundert es leider nicht, dass bei den Technologien meist nur die stumpfen Anwendungsfälle trumpfen. Was Bohlen in der Musik ist, ist etwa Porno bei VR. Kulturell ist das vielleicht ein Supergau, den die Nachwelt zu bewerten haben wird.

Aber zurück ins Hier und Heute: Guck Dir Bitcoin an. Die Blockchain als Technologie (oder sagen wir mal als prototypische Implementation / Konzeption) könnte eine Menge interessanter Anwendungsfälle lösen und ermöglicht ferner neue Konzepte. Gerade Mechanismen hinsichtlich dezentraler Prozesse – etwa der Partizipation oder Organisation – können nun in einer neuen Form flankiert und potentiell anderen Skalierungen gedacht werden. Granatending!

Aber dann wieder der Mammon – zu viele gucken doch nur auf Cryptowährung als Anwendungsfall. Zwar ist es erheblich wichtig, über neue Gegenwert-Formeln, neue Konzepte für Transaktionen ohne Mittelsmann und ökonomische Mechanismen nachzudenken, aber zu wenig wird über die Potentiale nachgedacht, die nicht direkt mit finanziellen Aspekten zusammenhängen. Es gibt hier durchaus viele gute Ansätze, doch maßgeblich dreht sich vieles um den Währungsaspekt.

Mit dem präferiert stumpfen Ansatz schaffen wir keinen besseren Ort.

Und genau aus diesem Grunde wird früher oder später die Recommendation-Generation und ihre Welt untergehen.

Doch es gibt Hoffnung

Aus meiner Sicht blüht Hoffnung auf.

Erst die Generation die den Schornstein so richtig qualmen lässt, produziert oder besser: proviziert letztlich eine Greta Thunberg.

Erst die Agenda-Version der Finanz-Eliten provoziert irgendwann einen Rutger Bregman Auftritt in Davos, Autor von ‚Utopien für Realisten‚.

Der Philosoph und Soziologe Geofrroy de Lagasnerie greift mit seinem Buch ‚Denken in einer schlechten Welt‘ noch tiefer ein und fordert „[…] , die Bequemlichkeit des Rückzugs hinter die Wertfreiheit der Wissenschaft und die Autonomie der Kunst infrage zu stellen […]“ (Quelle). Diese Forderung würde nicht provoziert, wäre die gesellschaftliche Entwicklung stärker durch einen vielleicht unbequemeren, intellektuellen Diskurs zur kritischeren Selbstreflektion angehalten.

Neben den wenigen genannten Beispielen gibt es doch zahlreiche weitere Ideen, Beiträge, Positionen und Entwicklungen, die wirklich Hoffnung machen. Ich freue mich bereits auf die Gegenbewegungen, welche die Irrungen dieser Zeit provozieren wird. Etwa auf eine/n Anti-Trump, auf gute Gegenmodelle für Bullshitjobs, auf eine Generation von Individuuen, die sich nicht über finanziellen Erfolg oder bequemen Konsum definiert.

Die Renaissance des Silberjackets findet bald ihr jähes Ende.

Die Gründe dafür, dass es so kommen muss, sind mannigfaltig. Doch gerade in den letzten Jahren habe ich immer mehr Individuen mit Träumen, neue Perspektiven, unverschrobene Ideen und Hoffnungen gesehen. Noch sind die Vertreter keine Generation und keine Streitmacht von jungen Wilden. Aber sie mehren sich, ihr Potential nimmt minütlich zu. Sie sind Vorboten eines neuen Zeitgeists. Die Welt bewegt sich auf und ab, wellenförmig. Nach der reaktionären Renaissance wird eine neue Phase der sozialen Weiterentwicklung eingeleitet werden.

Noch dominieren die Gatekeeper aus dem Stahlzeitalter, die Behavioristen, Populisten, Manipulatoren und Rückwärtsgewandten. Doch ihre Tage sind bereits angezählt. Die Zukunft wird unweigerlich bunt, kollektiv, heterogen, multi-individuell und phantasievoll.

Das Digitale der Zukunft

Das Digitale der Zukunft wird zweckmäßiger und hoffentlich weniger dick aufgetragen sein. Vielleicht verabschieden wir uns von vielem Firlefanz.

Ganz sicher aber Entledigen wir uns einiger Mythen und Märchen, die mit dem Versprechen neuer Technologien geschaffen wurden. Wir werden Vernunft, Nützlichkeit, Sinn, Qualität und Wertigkeit mittel- bis langfristig dem Streben nach finanzieller Bereicherung, Macht und Einflussnahme und anderen Wirrungen vorziehen. Die gesellschaftliche Weiterentwicklung wird sich tiefer mit Themenkomplexen wie Partizipation, Gleichberechtigung und Demokratisierung der Mittel, Nachhaltigkeit und und und auseinandersetzen müssen. Und in diesem Kontext kann Technologie weiterhin ein wichtiger Enabler für nötigen Wandel sein. So wie der Buchdruck entscheidend für die Entstehung von Öffentlichkeit oder den Austausch von Information war.

Das Digitale der Zukunft wird Hype Cycle überwinden und zum praktischen Mittel zurückgestuft werden, welches dem Zweck dienen soll und nicht vorgibt selbst Zweck zu sein. In diesem Zuge werden auch blödsinnige Dinge wie Growth Hacking ihrer angemessenen Nichtigkeit entgegenschrumpfen. Und ach so vieles wird zu historischen Albernheiten verkommen, wie die FoKuHiLa.

Das neue Digitale wird eindeutig nicht die MEMEX sein, und auch vermutlich kein Traum des Militär oder der Wissenschaft, es wird das Ergebnis der Praxis der emanzipierten Masse werden. Das Digitale wird am Ende vollständig seiner Heilsversprechen beraubt sein und so normal wie Papier werden. Schon in weniger als 5 Jahren wird niemand mehr bedeutungsschwanger von Digitalisierung sprechen.

So wie Kornspeicher und Bronze als Instrumente der Macht überwunden wurden, so wird auch die Überwindung der Mythen des Digitalen (im Kontext der letzten 20 – 30 Jahre) letztlich zu der Entrümplung von Ideen führen und zur Befreiung beitragen. Bullshit wird nicht überleben. Das Digitale kann dann letztlich wirklich erst zum Nützlichen werden. So wie Papier.

Finally

Zusammengefasst ist der Appell ist also dieser:

Wir benötigen Menschen mit Träumen, kreative Freigeister, wir benötigen Utopien, wir brauchen sinnvolle und nützliche Dinge für unsere Gesellschaft.

Die Demokratisierung der Produktionsmittel muss zu anderem führen als zur zufälligen Generierung neuer Gatekeeper. Eine große zivilisatorische Chance liegt in der globalen Kollaboration, dem Austausch von Wissen und Meinungen, dem partizipatorischen intellektuellen Diskurs, dem zweckdienlichen und kulturell zuträglichen Austausch von Waren und Gütern. Werte, Gegenwerte, ökonomische Prinzipien müssen in einer Zeit der Automatisierung neu und unter globalen Gesichtspunkten weiter definiert werden. Kultur muss nicht unter den Maßstäben des Konsums homogenisiert, sondern kann exponentiell zu neuen Potentialen weiterentwickelt werden.

Dieses Jahrhundert braucht junge Wilde – und keinen billigen Abklatsch der Vergangenheit!

[ Beitragsbild von Hugo Jehanne via Unsplash]

Related posts

Leave a Comment